Leben und Tod im Mönchtum
Bulletin - Heft 118 (2020)
Inhaltsverzeichnis
Editorial
Jean-Pierre Longeat OSB
Lectio divina
Eucharistie und Dienst. Gastfreundschaft als klösterliche Mission (Johannes 13,1-15)
Humberto Rincón Fernández OSB
Meditation
Der Tod des heiligen Antonius
Nach der Vita Antonii des Athanasius
Zeugnisse
• Der Friedhof des Benediktinerklosters Thiên Binh – offen für das Leben
Nathalie Raymond
• Der Friedhof der sieben Mönche von Tibhirine
Monique Hébrard
• Natur zwischen Himmel und Erde. Koningsakker – Naturfriedhof einer Klostergemeinschaft
Pascale Fourmentin OCSO
• Die Sargproduktion von New Melleray
Jean-Pierre Longeat OSB
Öffnung zur Welt
Lebenslektionen von Paul zu Krankheit und Tod
Roger Gil
Liturgie
Totenliturgie –vietnamesische Traditionen und monastische Riten
Marie-Pierre Nhu’ OSB
Meditation
Dem Schlaf des Todes widerstehen
Irénée Jonnart OSB
Geschichte
Anglikaner und Benediktiner
Nicolas Stebbing OSB angl.
Arbeit und Klosterleben
Mit den Händen beten
Bernard Guékam OSB
Mönche und nonnen als zeugen für unsere zeit
• Abt Ambrose Southey OCSO (1923-2013)
Armand Veilleux OCSO
• Äbtissin Anna Maria Cànopi OSB (1931-2019)
Maria Maddalena Magni OSB
• Äbtissin Teresita D’Silva OSB (1933-2019)
Nirmala Narikunnel OSB
Nachrichten
• „Sich allen nützlich erweisen.“ Zum Jubiläum der Carta Caritatis
Mauro Giuseppe Lepori OCist
• Die Carta caritatis (1119-2019) –Dokument der Einheit zwischen Gemeinschaften
Éric Delaissé
• Rückblick auf die zwölfte Lateinamerikanische Begegnung der Klöster
Enrique Contreras OSB
• Reise nach Argentinien
Jean-Pierre Longeat OSB
Leitartikel
Diese Ausgabe des AIM-Bulletins befasst sich mit dem Thema von „Leben und Tod im Mönchtum“. Damit wird einerseits eine Brücke zum Paschamysterium geschlagen und andererseits Bezug auf vielfältige Gebräuche genommen, welche dieses Geheimnis in den monastischen Alltag übersetzen.
Vorgestellt werden unter anderem zwei ungewöhnliche Klosterfriedhöfe und die Herstellung von Särgen in der Abtei New Melleray (USA). Es geht um Begräbnisriten für verstorbene Mönche und Nonnen in Vietnam und viele weitere Aspekte, die spirituelle, kulturelle oder einfach allgemeinmenschliche Anregungen liefern.
Ein Facharzt für Neurologie, der auch ein Ethikzentrum leitet und sich den Klöstern verbunden fühlt, gibt uns Impulse, wie das Leben stärker als Leiden und Tod sein kann.
Und schließlich runden verschiedene Rubriken dieses Heft ab: die Geschichte der anglikanischen Mönche in England, eine Auseinandersetzung mit dem Thema „Arbeit und Wirtschaft“ seitens eines Mönches von Keur Moussa (Senegal), Porträts einiger markanter monastischer Persönlichkeiten wie Pater Ambrose Southey, der im Trappistenorden bleibende Spuren hinterlassen hat, Mutter Anna Maria Canopi, die Gründerin des Klosters auf der Insel San Giulio, und Mutter Teresita D’Silva, die Gründerin des Klosters Shanti Nilayam. Darüberhinaus enthält diese Nummer Berichte zu neueren Entwicklungen innerhalb der benediktinischen Ordensfamilie. Darunter ein Bericht zum 900sten Jubiläum der „Carta Caritatis“, als einem Gründungsdokument der Zisterzienserfamilie.
Jean-Pierre Longeat OSB
Präsident der AIM
Artikel
Tod und Leben in der Benediktusregel
1
Jean-Pierre Longeat OSB
Präsident der AIM
Tod und Leben in der Benediktusregel
Obwohl er selbst bald sterben wird, ohne das gelobte Land je betreten zu haben, ruft Mose im Buch Deuteronomium entschieden dem Gottesvolk zu: „Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen“ (Dtn 30,19). Das klösterliche Leben hat diese Anordnung sehr ernst genommen. Bereits zu Beginn seiner Regel gibt Benedikt den Aufruf des Herrn wieder: „[…] der Herr sucht in der Volksmenge, der er dies zuruft, einen Arbeiter für sich und sagt wieder: ‚Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?‘ Wenn du das hörst und antwortest: ‚Ich‘, dann sagt Gott zu dir: ‚Willst du wahres und unvergängliches Leben, bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede! Meide das Böse und tu das Gute; suche Frieden und jage ihm nach!‘“ (RB Prol. 14-17). Und ebenso am Ende des Prologs: „Darum wollen wir uns seiner Unterweisung niemals entziehen und in seiner Lehre im Kloster ausharren bis zum Tod. Wenn wir so in Geduld an den Leiden Christi Anteil haben, dann dürfen wir auch mit ihm sein Reich erben“ (RB Prol. 50).
Im vierten Kapitel über die Werkzeuge der geistlichen Kunst erinnert Benedikt an die Gegenwärtigkeit des Todes und des Lebens im Dasein des Mönchs: „Den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben“ (RB 4,47). Daran ist gewiss nichts Krankhaftes, sondern es möchte schlichtweg unterstreichen, dass das Leben auf dieser Erde – und sei es noch so bedeutsam – ein Moment des Übergangs ist und dass wir den Schlüssel zu einem sinnvollen Leben verlieren, wenn wir uns darin einzuschließen versuchen.
Es geht sowohl um das Verlangen nach dem wirklichen Leben als auch um die wachsame Beobachtung der eigenen Worte und Handlungen im Alltag. Es verlangt die Übung der Aufmerksamkeit in gehorsamem Zuhören, sodass die Liebe in vollständiger Freiheit alles durchdringen kann. So stellt Benedikt im Kapitel über die Demut fest: „Die dritte Stufe der Demut: Aus Liebe zu Gott unterwirft sich der Mönch dem Oberen in vollem Gehorsam. So ahmt er den Herrn nach, von dem der Apostel sagt: ,Er war gehorsam bis zum Tod‘“ (RB 7,34). Damit wird an dieser Stelle das österliche Geheimnis angesprochen. Die vierte Stufe der Demut ergänzt die vorausgegangene, indem sie aufzeigt, wie viel Geduld und Ausdauer es dazu bedarf, sich diesem Gehorsam zu unterwerfen; es geht darum, standzuhalten, ohne müde zu werden oder sich zurückzunehmen, bis zum Schluss, bis zum Ende, um das wahre Leben zu verkosten. Vor allem begegnet uns dies im Kontext der Liturgie, wo der regelmäßige Wechsel von Tag und Nacht das Ostergeheimnis in unserem Leben wachhält: so erinnert uns die untergehende Sonne in der Vesper an Christi Tod am Kreuz; die finstere Nacht mahnt uns in den Vigilien zu dem Kampf, der im Herzen der Psalmen ausgefochten wird; die aufgehende Sonne erweckt in uns die Erinnerung an den frühen Morgen der Auferstehung; und schließlich gemahnen uns die Horen des Tagesverlaufes an die Passion des Menschensohnes.
Dieser Gedanke drückt sich auch in der Haltung der Fürsorge gegenüber den Kranken aus. Diese führen uns die Gebrechlichkeit des Daseins und das Herannahmen der letzten Stunde vor Augen. Benedikt sagt, dass wir dann Christus begegnen werden, dem leidenden und sterbenden Christus, der aber gerade deswegen ein fortwährender Zeuge des Lebens ist, das in Gott zu finden ist. Aus demselben Grund mahnt Benedikt, den Kindern, den Gästen, den Pilgern und den Armen Achtung entgegenzubringen, denn auch in ihnen begegnet man dem hilflosen und verwundeten Christus. Um diese Beziehung zu Christus in seinem Ostergeheimnis zu unterstreichen, sieht die Regel an verschiedenen Stellen die Gebärde der Fußwaschung vor. Das ist der Fall bei der Aufnahme von Gästen, aber auch bei der wöchentlichen Annahme der Tisch- und Küchendienste durch die Mönche, auch wenn dieser Brauch heute nicht mehr praktiziert wird. Dieses Ritual des Dienens spiegelt die Teilhabe am Tod und an der Auferstehung Christi wider. Der Ritus der Fußwaschung erfährt seine ganze Sinnfülle in der Beziehung zum eucharistischen Mahl, welches Jesus am Vorabend seiner Passion eingesetzt hat.
Der Mönch hält sich frei von jeglicher persönlichen Anhänglichkeit. Am Tag der Profess entbindet er sich von allem, was er besitzt; er entbindet sich sogar von der Verfügbarkeit über sich selbst, da es in der Regel heißt: „denn er weiß ja: Von diesem Tag an hat er nicht einmal das Verfügungsrecht über seinen eigenen Leib“ (RB 68,25). Das ist der Grund, weshalb früher die Professfeier den spirituellen Tod des Profitenten durch eine Prostration unter einem schwarzen Leichentuch symbolisierte. Oder der Professkandidat blieb drei oder acht Tage lang mit aufgezogener Kapuze, bevor er sich als Zeuge der Auferstehung nach dem Vorbild der Taufliturgie ohne Kapuze zeigte. Wir erinnern uns auch an jene Ermutigung, die Trappistenmönche in der Vergangenheit sprachen, wenn sie einander begegneten: „Bruder, wir werden sterben“ oder an jene Mönche, die Tag für Tag ihr Grab aushoben, um sich an ihre Vergänglichen zu erinnern.
Diese Gebräuche sind mittlerweile nicht mehr zeitgemäß, da die Haltung zum Leben und zur Auferstehung ein gesünderes Gleichgewicht gefunden hat. Dennoch hat der monastische Weg die Balance zu halten zwischen den zwei Dimensionen des österlichen Geheimnisses, denn das ist ohne das andere nicht denkbar.
Zum Abschluss seiner Regel fasst Benedikt den Weg der Mönche wie folgt zusammen: „Christus sollen sie überhaupt nichts vorziehen. Er führe uns gemeinsam zum ewigen Leben“ (RB 62,11-12). Tod und Leben lassen sich im monastischen Weg nicht anders verstehen, als aus dem österlichen Geheimnis Christi heraus.

Eucharistie und Dienst – Gastfreundschaft als klösterliche Mission
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Lectio divina
Humberto Rincón Fernández OSB
Abt vom Kloster der Epiphanie, Guatapé (Kolumbien)
Eucharistie und Dienst –
Gastfreundschaft als klösterliche Mission
Johannes 13,1-15
Wenn wir den Text von Matthäus 19,16-26 lesen, sollten wir bei den Eingangsworten etwas verweilen: „Ein Mann kam zu Jesus“. Betrachten wir die vielen Personen, die im Matthäusevangelium zu Jesus kommen und ihre unterschiedlichen Motive. Auch wir selbst wollen uns dabei in diese Annäherung einschließen und Jesus entgegengehen.
Die Geschichte von der Fußwaschung hat zunächst nichts mit dem zu tun, was wir „Eucharistie“ nennen würden, und die in der Handlung und den Worten Jesu über Brot und Wein zusammengefasst sind. Im vierten Evangelium findet jedoch die Fußwaschung ausgerechnet während des letzten Abendmahls statt, also der Eucharistie.
Ich überlasse den Experten die Frage, was sich tatsächlich während des Abendmahls ereignet hat: ob wirklich ein sakramentaler Akt über Brot und Wein stattfand oder der prophetische Akt der Fußwaschung, wie sie von den Sklaven verrichtet wurde. Ich habe gelesen, dass in den Anfängen der Kirche beide Handlungen anscheinend noch verbunden wurden und erst nach und nach aus praktischen Gründen Brot und Wein in den Mittelpunkt gestellt wurden.
Der erste Vers des 13. Kapitels im Johannesevangelium ist sehr feierlich und von großer Tiefe:
„Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung “ (Joh 13,1).
Wir befinden uns vor dem Osterfest und Jesus bereitet die Feier seines eigenen Osterfestes vor. Er weiß, dass die Stunde gekommen ist, diese Welt zu verlassen und zum Vater hinüberzugehen, das heißt, dass die Stunde seiner Verherrlichung gekommen ist: die Stunde ist gekommen, sich vollkommen zu offenbaren, den Vater zu offenbaren, seine Herrlichkeit, sein Sein, sein Wesen.
Jesus hat uns zwar auf seinem ganzen Lebensweg seine Liebe zu den Seinen gezeigt; in jener Stunde aber führt er diese Liebe zum Äußersten, er führt sie bis zu ihrer letzten Konsequenz (bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz, bis zum Tod wie ein gekreuzigter Sklave).
„Es fand ein Mahl statt [und Jesus] stand vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war“ (Joh 13, 2.4-5).
„Er stand vom Mahl auf“, das heißt, er verlässt diesen ihm gebührenden Platz, den Ehrenplatz. Er hatte dies bereits in einem anderen Text des Evangeliums angesprochen: „Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin unter euch wie der, der bedient“ (Lk 22,27).
„Er legte sein Gewand ab“. Paulus deutet das in seinem Brief an die Philipper wie folgt: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,6-8).
„Er begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war“ bedeutet, dass er eine Aufgabe annimmt, die den Sklaven und Dienern des Hauses, sowie den Frauen in jener patriarchalen Gesellschaft zukam, in der die Männer den Vorrang hatten.
In der Logik dieses Hymnus an die Philipper ist es diese Erniedrigung, die ihn als „den Herrn“ ausmacht und die zu jener Verherrlichung führt, die zur Folge hat, dass sein Name über allen anderen erhöht worden ist. Zu erkennen, dass dieser Mensch Gottes Sohn ist, heißt, zu erkennen, dass Gott so an den Menschen handelt, die die Seinen sind.
„Petrus entgegnete ihm: Niemals sollst du mir die Füße waschen! Jesus erwiderte ihm: Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir. Da sagte Simon Petrus zu ihm: Herr, dann nicht nur meine Füße, sondern auch die Hände und das Haupt.“ (Joh 13, 8-9).
Petrus lehnt die Geste Jesu aus Respekt ab, vielleicht auch aus falscher Bescheidenheit oder aus der Überlegung heraus, wenn er mir die Füße wäscht, wird er dasselbe von mir erwarten – lehnt diese Geste von Jesus ab. Nachdem Jesus ihm jedoch drohend entgegnet, dass er, wenn er diese Geste ablehnt, keinen Anteil an ihm haben und seine Jünger-Meister-Beziehung verlieren werde, reagiert er mit der Bitte, er möge ihn ganz waschen. Diese liebevolle Geste des Herrn scheint ihn zutiefst berührt zu haben.
„Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ (Joh 13,12-15).
Wohlgemerkt: Jesus zieht sein Gewand wieder an, legt aber nicht das Leinentuch ab, mit dem er sich umgürtet hatte. Selbst, als er wieder am Tisch sitzt, bleibt er Diener, bleibt er Sklave.
Anschließend folgt der Auftrag, der der Geschichte von Brot und Wein entspricht: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Diese Wendung wird sowohl für die Fußwaschung verwendet, als auch für das Abendmahl, die Eucharistie.
„Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13,13-14). Einander die Füße zu waschen, das ist der Auftrag. Aus der Teilnahme am Herrenmahl folgt, dass wir einander dienen sollen. Sein Leben hinzugeben, wie er es hingegeben hat: bis zur letzten Konsequenz.
Es folgt die Ankündigung des Verrats durch Judas und der Verleugnung durch Petrus. Von Anfang an besteht die Möglichkeit, dass die, die am Abendmahl teilgenommen haben, den Meister verraten und verleugnen können. Für den Herrn ist es von geringer Bedeutung, dass so etwas passieren kann; er fährt trotzdem fort, uns an seinen Tisch einzuladen, an den Tisch seiner Liebe und Entäußerung.
Ich möchte wieder auf die andere Geste zurückkommen, auf die uns geläufigere von Brot und Wein. Jesus gibt eine Erklärung zu diesen zwei Elementen ab. Er identifiziert sich mit diesen: dieses Brot bin ich; ich gebe mich für euch hin. Ich mache mich zu Brot, um gebrochen, geteilt und verteilt zu werden. Ich bin das verlassene, das geteilte Leben. Der Wein dieses Kelches ist mein Blut, das vergossen wird, um einen neuen Bund zu feiern. Dieser Wein ist mein Blut, vergossen, um ein neues Leben zu schenken.
Hierin finden wir dieselbe Verfügung wie im 13. Kapitel des Johannes: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“. Die Vollendung dieser sakramentalen Handlung bei jeder Eucharistie ist ebenso ergreifend wie die der Fußwaschung. Den Leib des Christus zu essen und sein Blut zu trinken verpflichtet auch uns dazu, für die anderen ein entäußerter Leib zu sein – selbstlos und ganz. Vergossenes Blut zu sein nimmt uns in die Pflicht, unser Leben Stück für Stück für die anderen hinzugeben.
Diese zwei Gesten Jesu stehen in einer engen Beziehung zum monastischen Leben. Die Teilhabe an der Eucharistie muss in das konkrete Leben jedes einzelnen Mönchs übersetzt werden, das – um das metaphorisch auszudrücken – ein Leben des Dienens und Fußwaschens sein soll. Dies soll nicht nur – was uns leichter fällt – in der Gastfreundschaft und im Dienst an den Gästen sichtbar werden, sondern im Dienst an allen Menschen und vor allem an dem Mitbruder oder an der Mitschwester, die mit uns dasselbe Lebensideal teilen.
Diese enge Verbindung zwischen der Eucharistie und unserem Leben, wie sie von uns verlangt wird, soll vollkommen sein, beginnend mit dem Leben in unserem Kloster, in unserer Gemeinschaft. Es ist nicht möglich, eine authentische Gastfreundschaft zu pflegen, wenn es keine auf Wahrheit und Authentizität beruhende Brüderlichkeit im inneren der klösterlichen Gemeinschaft gibt. Ob wir es wollen oder nicht: die Gäste bemerken das, wenn sie unsere Klöster besuchen. Oftmals haben sie zwar keinen anderen Kontakt, als mit dem Pförtner, dem Gastbruder oder mit dem geistlichen Begleiter, aber sie hinterlassen schriftliche Mitteilungen, in denen sie allen Mönchen ihren Dank für das Zeugnis ihres Lebens, ihre Aufmerksamkeit, die brüderliche Gemeinschaft, aber vor allem auch die Beziehung zum Herrn ausdrücken, die sie bei Feierlichkeiten gesehen haben, sowie in den kleinen Aufmerksamkeiten, die ihnen entgegengebracht wurden. Begegnen ihnen hingegen Spaltungen, Neid, Tratsch, Widersprüche in der Lebensführung, entgehen ihnen diese ebenfalls nicht. Sie wagen es zwar nicht, diese Wahrnehmungen schriftlich mitzuteilen, aber sie sprechen darüber und verspüren einen bitteren Beigeschmack, ein Gegenzeugnis.
Sprechen wir von der Eucharistie, so sprechen wir immer von der Gemeinschaft, die die Eucharistie feiert. Eine einzelne Person kann – selbst wenn sie ein Priester ist – nicht Eucharistie feiern. Und in der Tat: Die allgemeine Darstellung im Römischen Missale [Nr. 252] schreibt vor, dass mindestens ein Ministrant vonnöten ist, um dem Priester zu assistieren, es sei denn, es handle sich um eine berechtigte Ausnahme, die es rechtfertigt, ohne Ministrant oder ohne Gläubige zu zelebrieren [Nr. 254]. Das „Ite missa est“ ist eine Sendung, die im Plural formuliert ist; das bedeutet, dass der Auftrag, der aus der Teilnahme an der Eucharistie erwächst, keine Einzelbeauftragung ist. Auf unsere Thematik bezogen heißt das, dass der Gastbruder oder die Gastschwester, die stellvertretend für die klösterliche Gemeinschaft stehen, nicht als Einzelperson agieren, sondern im Namen der Gemeinschaft und nicht am Rande oder, was noch schlimmer ist, gegen diese. Daraus folgt auch eine Notwendigkeit für alle Mönche und Nonnen: inwieweit helfen sie dem Gastbruder oder der Gastschwester, sind sie aufmerksam für das, was an Aufgaben anfällt, und bereit, ihnen zur Hand zu gehen?
Der Gastbruder oder die Gastschwester werden vom Oberen der Gemeinschaft beauftragt. Folglich müssen sie miteinander in Verbindung stehen und einander auf dem Laufenden halten.
Wenn Benedikt von der Aufnahme der Gäste im Kapitel 53 seiner Regel spricht, erinnert er uns an die erste Geste, von der wir gesprochen haben: an die Fußwaschung. Im Evangelium wäscht der Christus als Meister seinen Jüngern, seinen Brüdern, die Füße, und er lädt uns ein, einander geschwisterlich die Füße zu waschen, einander zu dienen und zu Sklaven füreinander zu werden, so, wie er es für uns geworden ist. In seiner Regel hebt Benedikt einen sehr interessanten Punkt hervor: Der Gast ist nicht nur ein Bruder oder eine Schwester, sondern Christus selbst, der uns besucht.
„Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus; denn er wird sagen: ‚Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen‘“ (RB 53,1). Dieser Satz verweist auf die Endgerichtsrede aus dem 25. Kapitel des Matthäusevangeliums (Mt 25,31-46). Hier lesen wir: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).
Für Benedikt bedeutet das, dass es nicht mehr nur das Sakrament des Leibes und des Blutes Christi gibt, die uns zum Dienst und zur Gastfreundschaft im Kloster anhalten, sondern auch das „Sakrament der Brüderlichkeit“. Dieses Thema begegnet uns immer wieder in der Regel: der Bruder steht nicht nur stellvertretend für Christus, sondern er ist Christus, der uns besucht. Ihm schulden wir die größte Fürsorge.
Ich glaube, dass wir alle in unseren Klöstern diese Erfahrung gemacht haben: Die Gäste sind keine Störenfriede oder etwa eine Schwierigkeit, die wir in unserem Klosterleben ertragen müssen. Sie sind echte Zeugen dessen, was wir tun und wie wir es tun, Zeugen der Authentizität dessen, was wir tun, zuweilen abgelenkt oder routinemäßig. Sie selbst geben uns ein Zeugnis von der Stärke ihres Glaubens, der Anstrengung um ein gelingendes Leben, um das sie ringen. Sie sind Zeugnis der Art und Weise, wie sie in ihrem gewöhnlichen Leben danach streben, treu zu bleiben, indem sie ein mutiges Leben führen, indem sie darum kämpfen, ihr tägliches Brot zu verdienen, ihr Haus gut zu verwalten, ihrer Arbeit verantwortungsvoll zu verrichten, keine Ausreden für irgendetwas zu finden usw.
Abschließend möchte ich ein weiteres Mal Benedikt zu Wort kommen lassen. Im selben Kapitel 53 gibt er Anweisungen zur Auswahl des Gastbruders.
Wie alles im Kloster wird dieser Dienst auch in der Gottesfurcht gelebt, will heißen in der Gegenwart Gottes. Im Glauben weiß ich, dass mein Leben fortwährend vor seinen Augen ausgebreitet ist; nicht, um mich zu beobachten und mein Zu-Fall-Kommen zu beobachten, um mich dafür zu bestrafen, sondern um mich in seiner Fürsorge und in seiner barmherzigen Liebe zu lieben. Ich bin von Gott geliebt und mein Leben strahlt diese Liebe in der Beziehung zu den anderen wider.
Wir durchleben schwierige Zeiten in der Kirche wegen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Ich werde auf diese Frage hier nicht eingehen, da sie nicht zu meinem Thema gehört, aber ich möchte sie in Zusammenhang bringen mit dem, was der Papst in den meisten seiner Stellungnahmen ausgeführt hat: Dem sexuellen Missbrauch gehen Machtmissbrauch und Gewissensmissbrauch voraus.
Der Mönch oder die Nonne stellen den Gläubigen und denjenigen, die in unsere Klöster kommen, eine sehr ungewöhnliche Wirklichkeit vor Augen. In ihren Augen sind wir mehr oder weniger Heilige und das schafft in uns unbewusst die Vorstellung, wir seien besser oder wir seien über andere erhaben. Das bedeutet nichts anderes, als Macht zu besitzen. Von diesem Punkt aus können wir leicht in den Missbrauch von Macht hinabgleiten. Wir kommen in die Versuchung, andere auszunutzen, in diesem Fall, die Gäste. Beispielsweise können wir durch sie das kompensieren wollen, was in uns an Gefühlsleben zu kurz kommt und intensive Freundschaften außerhalb des Klosters zu knüpfen. Wir könnten auf unangemessene Weise materiellen Nutzen für das Kloster ziehen wollen, oder Geschenke, die für das Kloster gedacht sind, für uns selbst zurückhalten wollen.
Auf alle Fälle finden wir – blind für unseren eigenen Gewissensmissbrauch – Gründe, um unser Fehlverhalten zu rechtfertigen: Ich bin doch als Gastbruder oder Gastschwester zuständig für die liebenswürdige Fürsorge unserer Gäste… Ich darf nicht kühl oder distanziert zu den Gästen sein… Ich tue doch nichts Böses (und auch nichts Gutes)… Auch ich brauche einen Ausgleich… Ich arbeite genug und verdiene eine Belohnung…
Rufen wir uns also ins Gedächtnis, was wir sagen wollten: Unsere Gastfreundschaft fußt auf der Eucharistie. Wir empfangen die Gäste und dienen denen, die ins Kloster kommen, weil wir ihnen den demütigen Dienst Christi im letzten Abendmahl anbieten wollen; wir wollen unser Leben dahingeben, wie er es gegeben hat. Wir empfangen die Gäste und alle Besucher, weil es Christus selbst ist, der kommt, um uns zu besuchen. All dies tun wir mit reinem Herzen, ohne verkehrte Absichten, weil Christus selbst handelt; unser Herr, der sein Leben für uns gegeben hat durch Tod und Auferstehung.
Der Tod des hl. Antonius
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Meditation
„Die Engel, die zu ihm kamen, betrachtete er als Freunde.“
Der Tod des hl. Antonius
(nach Kap. 89-92 der Vita Antonii)
Athanasius der Große (300-373 n. Chr.)
Nach seiner Gewohnheit besuchte Antonius die Mönche auf dem äußeren Berg, und da er von der Vorsehung über sein Lebensende belehrt worden war, sprach er zu den Brüdern: „Das ist der letzte Besuch, den ich euch mache, und es soll mich wundern, wenn wir uns in diesem Leben noch einmal sehen. Denn es ist Zeit, dass auch ich nunmehr scheide; denn ich bin fast einhundertundfünf Jahre alt.“ Nachdem die Mönche diese Worte vernommen, brachen sie in Tränen aus und umarmten und küssten den Greis. Er aber, wie wenn er aus einer fremden in seine Heimatstadt weggehe, sprach mit ihnen voll Freude. Er ermahnte sie, in den Mühen nicht lässig zu werden, noch in der Askese nachzugeben, sondern zu leben, als ob sie jeden Tag sterben könnten.
Als die Brüder ihn drängten, er möchte bei ihnen bleiben und hier sein Leben vollenden, da brachte er es nicht über sich. Er begab sich auf den inneren Berg, wo er sich aufzuhalten pflegte; hier erkrankte er nach einigen Monaten. Er rief seine zwei Genossen, die dem Antonius dienten mit Rücksicht auf sein Alter, und sprach zu ihnen: „Ich wandere, wie geschrieben steht, den Weg der Väter; denn ich merke, wie mich der Herr ruft. Bestattet meinen Leichnam und bergt ihn unter der Erde. Mein Gebot soll von euch beachtet werden, so dass niemand den Ort kennt außer euch allein. Denn ich werde bei der Auferstehung der Toten vom Heiland einen unvergänglichen Körper erhalten. Verteilt meine Kleider; dem Bischof Athanasius gebt das eine Schaffell und den Mantel, den ich darunter anzog; er hat ihn mir neu gegeben, von mir aber ist er abgenützt worden. Dem Bischof Sarapion gebt das andere Schaffell, Ihr behaltet das härene Gewand. Und nun lebt wohl, Kinder; denn Antonius geht hinüber und ist nicht mehr mit euch.“
Nach diesen Worten umarmten ihn seine Gefährten. Dann streckte er die Füße aus, sah die, welche zu ihm kamen, wie Freunde an und freute sich ihretwegen – denn er zeigte, wie er so dalag, ein heiteres Gesicht –, und so verschied er und wurde versetzt zu den Vätern. Seine zwei Freunde aber erwiesen ihm, wie er ihnen aufgetragen hatte, die letzte Ehre, sie hüllten ihn ein und bargen seinen Leichnam unter der Erde, und niemand weiß bis jetzt, wo er verborgen ist außer den beiden allein. Und jeder von denen, die das Schaffell des seligen Antonius und seinen abgenutzten Mantel erhalten hatten, bewahrt dies wie einen wertvollen Besitz auf. Denn wenn man die Kleidungsstücke nur ansieht, so ist es, wie wenn man den Antonius sähe; und wenn man sie anzieht, so ist es, als ob man mit Freude seine Ermahnungen trüge.
Der Friedhof des Benediktinerklosters Thiên Binh
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Zeugnisse
Nathalie Raymond
Frankreich
Der Friedhof des Benediktinerklosters Thiên Binh – offen für das Leben
Im Laufe der Jahre hat der Klosterfriedhof von Thiên Binh nach und nach seine heutige Gestalt angenommen, ohne dass es geplant geworden wäre, sondern als Reaktion auf konkrete Bedürfnisse. Innerhalb der benediktinischen Tradition weist er eine ungewöhnliche Gestalt auf: Er ist offen für andere Ordensgemeinschaften von Männern und Frauen und selbst für katholische Laien. Dadurch löste er innerhalb der Klostergemeinschaft auch einen Reflexionsproblem hinsichtlich ihrer spirituellen Sendung aus.
Missionarisches Mönchtum ...
Das Kloster wurde 1970 von Pater Thadée gegründet, der vom Kloster Thiên An stammte, das wiederum selbst von der Abtei La Pierre-qui-Vire Ende der 1930er Jahre errichtet wurde. Von Anfang an war die Idee eines missionarischen Mönchtums sehr gegenwärtig, vor allem wegen der schwierigen politischen Lage aufgrund des Krieges. Es ging um die Notwendigkeit, sowohl den Bedürfnissen der durch den Konflikt vertriebene Bevölkerung entgegenzukommen, als auch Jugendlichen aus schwachen sozialen Verhältnissen durch eine Fachschule eine Ausbildung zu ermöglichen.
Heute ist die wirtschaftliche und politische Situation zwar eine grundlegend andere, aber es gibt immer noch benachteiligte und entwurzelte Bevölkerungsgruppen wie Landflüchtige, die in der Megastadt Saigon nach einem besseren Leben suchen.
Das Kloster bemüht sich weiter nach besten Kräften, auf die dringendsten Bedürfnissen dieser Menschen zu antworten – inzwischen nicht mehr im Bereich der Bildung, sondern im Gesundheits- wesen. Das Kloster verfügt über ein Krankenhaus, wo arme Menschen mit traditioneller Medizin versorgt werden und sie kostenlos Trinkwasser erhalten, dessen nie versiegende Quelle Gottes Barmherzigkeit ist.
Diese Sorge um die körperliche Gesundheit steht natürlich in Verbindung mit der Sorge um die geistige Gesundheit. Die Benediktinermönche nehmen sich der Bedürftigen an und begleiten sie, sie beten für sie und feiern Messen nach ihren Gebetsintentionen. Sie sind ihren Wohltätern auch sehr dankbar dafür, dass sie ihnen die Aufrechterhaltung dieser Tätigkeiten ermöglichen.
Ohne dass das Leben der Benediktiner beeinträchtigt wird, ist das Kloster daher in einem sehr dynamischen Austausch mit der Außenwelt eingebunden, in vielfältigem und wechselseitigem Geben und Nehmen, das Leben erzeugt. Die Verstorbenen sind von diesem Prozess nicht ausgeschlossen.
... das auch die Toten einbindet
Da das Kloster relativ jung ist, starben bisher nur wenige Mönche, nämlich drei, darunter der Gründer P. Thaddäus, der am 31. Januar 1995 heimging. Die Frage nach der spirituellen Funktion des Friedhofs stellte sich P. Thaddäus jedoch aus konkreten Gründen sehr rasch: Die ersten, die dort beigesetzt wurden, waren die Mitglieder einer armen Familie, die einer Bombenexplosion in den 1970er Jahren zum Opfer fielen. Diese Situation konnte P. Thaddäus, der immer sehr bemüht war, die Bedürfnisse der Ärmsten zu befriedigen, nicht unberührt lassen. Später waren es die Schwestern einer vietnamesischen Kongregation – die Schwestern von der Kreuzesliebe – die ihn fragten, ob sie dort ihre verstorbenen Schwestern beisetzen dürften. Und noch viele andere religiöse Gemeinschaften taten das gleiche. Auch die Aufnahme von katholischen Laien wurde fortgesetzt.
Es gibt einen sehr praktischen Grund für diese auswärtigen Anfragen, nämlich der Platzmangel in der Metropole Hô-Chi-Minh-Stadt. Der Bevölkerungsdruck ist derart groß, dass es unmöglich ist, Friedhöfe zu vergrößern oder auch nur zu erhalten. Außerdem spielt ein solches Anliegen keine Rolle für das kommunistische Regime. Die in den Ländern weit verbreitete Einäscherung stellt die einzige Lösung für diesen Platzmangel dar. Jedoch ist sie für einige Katholiken nach wie vor schwer vorstellbar; daher die Suche nach Friedhöfen.
Der Wunsch, in der Nähe eines Gebetsortes in Frieden ruhen zu können, ist für fromme Katholiken ein großes Anliegen, auch wenn sie keine Ordensleute sind. Das gibt dem Friedhof von Thiên Binh ein in der benediktinischen Welt einzigartiges Gesicht, zumal der Friedhof außerhalb der Klausurmauer gelegen ist: ein übergemeinschaftlicher Friedhof für Männer und Frauen, der auch Laien offensteht. Diese Tatsachen bewegten die Gemeinschaft dazu, die spirituelle Funktion ihres Friedhofs schrittweise zu klären. Diese im Licht des Heiligen Geistes über mehrere Jahre durchgeführte Reflexion hat uns dazu gebracht, dass wir in dieser besonderen Situation eine Weiterführung unseres vielfältigen Austauschs mit der Außenwelt sehen. Eine Weiterführung, die sowohl die liturgische Gemeinschaft der Heiligen, als auch die Ahnenverehrung, die Vietnamesen am Herzen liegt, berücksichtigt. In der vietnamesischen Kultur ist es sehr wichtig für die Lebenden, die Dankesschuld gegenüber den Vorfahren zu respektieren und ihnen Ehre zu erweisen.
Die Vielfalt der „Bewohner“ des Friedhofs spiegelt auch die Vielfalt der Kirche wider und es ist eine schöne Vorstellung, dass der Austausch der Mönche mit der Außenwelt sich gewissermaßen im Jenseits fortzusetzt. Eine schöne Kontinuität zeigt sich auch darin, dass diese missionarische Tätigkeit, die dem Klostergründer so am Herzen lag, von seinen Nachfolgern fortgesetzt wird. Und wer weiß: Diese neuen „Vorfahren“, die auf dem Klosterfriedhof ruhen und nun in das Licht Gottes eingetreten sind, setzen sich möglicherweise nun aus dem Jenseits für das Kloster ein. Wie viele Gnaden hat vielleicht schon die Fürsprache dieser Heiligen bewirkt und das im Austausch für ein kleines Stück Land?

Die Feier des Kreislaufes Leben – Tod – Leben
Zum Dank für diese Gemeinschaft zwischen Lebenden und Verstorbenen wird alljährlich am frühen Morgen des 2. Novembers auf dem Friedhof eine Messe gefeiert, bei welcher der verstorbenen Gläubigen gedacht wird. Bei dieser Gelegenheit schließen sich die Ordensgemeinschaften und Familien der auf dem Friedhof Bestatteten der Mönchsgemeinschaft an, um im Gebet und bei der Feier der Eucharistie an ihre Vorfahren zu gedenken. Der aufsteigende Weihrauch begleitet die Gebete und die Räucherstäbchen glühen nach der Feier auf den Gräbern weiter. Es ist ein sehr wichtiger Moment der Gemeinschaft und einer Meditation, die das Geheimnis des Lebens und des Todes, das im selben Kreislauf eingebunden ist, greifbar macht.
Dieser Kreislauf von Leben und Tod materialisiert sich auf diesem Friedhof noch auf andere Weise. Besucher von außen werden überrascht sein, wie viele Pflanzen dort wachsen: Blumen oder Zierpflanzen auf Gräbern in irdenen Gefäßen, aber auch Sträucher, kleine Palmen und sogar Kurkumapflanzen auf einem Teil des Friedhofs. Die Wurzeln der Kurkuma werden von den Mönchen zur Herstellung von Medikamenten verwendet. Diese Vegetation macht den Friedhof auch zu einem Zufluchtsort für viele Vögel. Dieses Naturgeschehen bringt zum Ausdruck, dass das Leben weitergeht und stärker ist als der Tod; dies ist das Herzstück unseres Glaubens.
Dieser Friedhof hat sich unter den Umständen (unter denen wir vielleicht die Hand Gottes sehen können) als eine Art Erweiterung der Missionstätigkeit und der Gastfreundschaft im Herzen der Berufung des Benediktinerklosters etabliert. Durch seine besondere Offenheit sowohl der Kirche als auch dem Kreislauf von Leben und Tod verschrieben, ist es auch zu einem Ort geworden, der die Gemeinschaft der Heiligen widerspiegelt. Lasst uns Gott für all die Früchte danken, die dieser besondere Ort in den Herzen hervorbringt!
Der Friedhof der sieben Mönche von Tibhirine
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Zeugnisse
Monique Hébrard
Journalistin (Frankreich)
Der Friedhof der sieben Mönche
von Tibhirine
Die Umrisse der sieben Trappisten erloschen in der nächtlichen Dunkelheit vom 26. auf den 27. März 1996. Dies war das letzte Bild des großartigen Films von Xavier Beauvois, das die Zuschauer im Ungewissen ließ: Waren die Mönche Geiseln an einem unbekannten Ort? Wurden sie ermordet? Wenn ja, wo sind die Körper? Es ist bekannt, wie Trauer erschwert wird, wenn die Leichname eines Flugzeugunfalls oder eines Verbrechens nicht auffindbar sind.
Der Schleier der Ungewissheit wurde in schrecklicher Weise erst am 30. Mai beseite gezogen, als man ihre Leichen schließlich fand, oder vielmehr nur die sieben abgetrennten Köpfe.
Diese Reste der sieben Mönche ruhen nun auf dem Friedhof des Klosters Unserer Lieben Frau vom Atlas, wo sie gelebt haben. Tausende von Menschen aus dem ganzen Land kommen an diesen Ort, um hier Kraft zu holen. Das gilt nicht nur für Christen, sondern zunehmend auch für junge Muslime, die nach Sinn suchen.
Dieser Ort hat mich innerlich lange sehr beschäftigt, so dass ich sofort die Chance ergriff, anlässlich der Seligsprechung am 8. Dezember 2018 dorthin zu reisen. Damals wurden 19 Märtyrer der „schwarzen Jahre“ des algerischen Bürgerkriegs selig gesprochen, der Tausende von Toten verursacht hat.
Wenn man im Kloster von Tibhirine anlangt, verlässt man das Gebäude über eine Schwelle und geht einen baumbewachsenen Hang hinab. Dabei kommt man an den Brunnen vorbei, welche immer noch die Landwirtschaft versorgen. Schließlich gelangt man auf eine Lichtung, welche von Lavendel- und Rosensträuchern gesäumt ist. Die Betreuung der vorbildlich gepflegten Grabanlage liegt in den Händen von Jussef und Samir, welche weiterhin in der Landwirtschaft arbeiten. Auf den sieben Gräbern sind jeweils Tafeln mit den jeweiligen Vornamen der Mönche angebracht und diese sind in der Reihenfolge des Klostereintritts geordnet. Auf der ersten Tafel steht der Name von Bruder Lukas, des Arztes, der in seinem Leben konsequent den Glauben an eine universale Menschheitsfamilie verwirklicht hat, indem er alle medizinisch versorgte, die zu ihm kamen: die Leute vom Dorf ebenso wie die aufständischen Kämpfer.
Die Gärtner begleiten uns. Ihr Blick auf die frisch geharkten Gräber spricht Bände, wie ernst sie ihren Dienst nehmen und diesem Ort mit Ehrfurcht begegnen. Um uns herum herrscht tiefes Schweigen. Wir sind erfüllt mit Emotionen, aber auch von einem tiefen und geheimnisvollen Frieden.
Das Wort „Tibhirine“ bedeutet übersetzt „Garten“. Man kann es auf den Paradiesgarten beziehen, der liebevoll gepflegt wird und mit Fruchtbäumen bepflanzt ist. Oder auf den Ölgarten, den Ort des Leidens und des Todes. Als Gebet lesen die hier ankommenden Gruppen oft das geistliche Testament von Christian de Chergé. Man ist dabei tief berührt von seiner Botschaft der Brüderlichkeit und der Gemeinschaft, die davon spricht, dass das Leben und die Liebe stärker sind als zerstörerischer Hass.
Wenn man dann wieder den gleichen Weg zurückgeht, fällt es schwer, sich von dieser Atmosphäre des Schweigens und erfüllter Spiritualität zu trennen.
Zur Zeit unseres Besuches in Tibhirine war es gerade Advent. In der Kapelle, die im ehemaligen Lager des Weinbaus untergebracht ist, stand bereits eine Krippe und sieben Krippenfiguren erwarteten die Ankunft des Herrn.
Koningsakker – Naturfriedhof einer Klostergemeinschaft
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Zeugnisse
Pascale Fourmentin OCSO
Äbtissin von Koningsoord, Arnhem (Niederlande)
Natur zwischen Himmel und Erde
Koningsakker – Naturfriedhof einer Klostergemeinschaft
„Koningsakker“ eines naturbelassenen oder ökologischen Friedhofes, der mit der Zisterzienserinnenabtei Koningsoord in den Niederlanden verbunden ist. Der Name des Friedhofs und der Abtei beginnen mit dem gleichen Wort „Koning“, was „König“ auf Holländisch bedeutet. Für uns ist aber nicht so sehr dieser Begriff wichtig, sondern der Umstand, dass es dasselbe Wort ist. Es drückt eine Verbindung zwischen Friedhof und Kloster aus.

Was bedeutet das – „Naturfriedhof“? Und warum befasst sich eine Zisterzienserabtei mit der Betreuung einer solchen Einrichtung? Ist das mit dem Klosterleben überhaupt vereinbar? Das sind einige spontane Fragen, welche bei diesem Thema aufsteigen. Meine Ausführungen möchten darauf antworten, indem ich die dahinter stehende Idee und die Entwicklung des Projektes erläutere. Die Initiative hat viele innerklösterliche Diskussionen über die klösterlichen, kulturellen und kirchlichen Aspekte eines solches Projektes ausgelöst.
1. Natur als letzte Ruhestätte auf Erden
Vielleicht ist es uns bereits aus dem Bewusstsein entschwunden: Die Natur ist zweifellos der nächstliegende Ort für eine Beerdigung, welche von Menschen seit undenklichen Zeiten benutzt wird. Später hat dann wohl der Wunsch nach Riten, Symbolen und ausgewiesenen Orten die Entwicklung eigener Beerdigungsorte ausgelöst, in denen sich der Mensch mit seinem jeweiligen Glauben und seiner Kultur ausdrücken kann. Zur Zeit gibt es viele Überlegungen, wie wir unsere Toten heute begraben sollten. Diese wurden unter anderem ausgelöst durch die Überbelegung städtischer Friedhöfe, egal ob kirchlich oder staatlich, die Schließung vieler Pfarrkirchen, die Notwendigkeit, zeitlich begrenzte Liegeplätze auf Friedhöfen regelmäßig verlängern zu lassen, der Wegzug von Familien ins Ausland oder in andere Landesteile und natürlich die ständige Zunahme von Feuerbestattungen. In diesen Zusammenhang müssen auch die Naturfriedhöfe eingeordnet werden. Sie traten zuerst in England auf und wurden schon kurz darauf in den Niederlanden übernommen. Diese Bewegung hat in den letzten zehn Jahren beachtlich zugenommen.
Das Prinzip solcher Friedhöfe ist recht einfach. Man will einen Verstorbenen in der Natur beerdigen, also den Leichnam der Natur zurückgeben. Dafür gibt es keinen besonders hervorgehobenen Platz, keinen Gedenkstein, kein Kreuz, keine Einfriedung. Grundgedanke ist, dass die Natur selbst als Grab dient. Die lebendige Natur wird den Toten aufnehmen und sich weiter entwickeln. Man erahnt schon den Zusammenhang, der damit auf einer natürlichen Ebene zwischen Leben und Tod hergestellt wird. In Weiterführung dieser Verbindung zwischen Leben und Tod hat dieses Friedhofskonzept auch als Anliegen, dass die Natur geschützt wird. Daher wird auch auf manchen dieser Friedhöfe Natur wiederhergestellt. Das gilt auch für Koningsakker, wo 17 Hektar an Maisfeldern renaturiert wurden und somit eine natürliche Umgebung erneuert wurde. Dieses neu geschaffene Biotop nimmt nun wieder am Kreislauf von Flora und Fauna in Holland teil. Hier in Holland ist Umweltschutz ein großes Anliegen und jede Grundstücksnutzung muss sich an diesem Anliegen messen lassen.
Wenn also ganz konkret eine Person nach ihrem Ableben auf unserem Friedhof beerdigt werden will, so sucht sie sich einen Platz aus. Dieser Ort wird mit GPS-Daten festgelegt. Mit diesen Angaben könnte man also auch den Bestattungsort jederzeit wieder ausfindig machen, selbst wenn er in einem Heidefeld liegt. Die Person, welche das Beerdigungsrecht erworben hat, liegt dort für eine unbegrenzte Zeit und seine Ruhestätte wird nicht gestört. Selbst wenn alle möglichen Grabstätten belegt sein sollten, bleibt der Ort ein Naturschutzgebiet. Nach der Beerdigung können die Angehörigen am Grab eine Holzplakette mit dem Namen des Verstorbenen anbringen. Diese Plakette ist biologisch abbaubar ebenso wie alles andere, was mit dem Toten beerdigt wird.
Neben ökologischen Überlegungen spielt das Menschliche eine entscheidende Rolle bei dem Projekt. Die menschliche Begleitung ist wesentlich bei allen Vorgängen. Neben einer ständigen Betreuung von Friedhofsbesuchern findet eine intensive Begleitung statt, die mit der Wahl des Begräbnisortes beginnt und sich fortsetzt mit dem Empfang von Angehörigen, welche das Grab besuchen wollen. Diese Aufgabe wird von einer kompetenten und dafür ausgebildeten Person übernommen, die zuhören, begleiten und Rat geben können soll. Zu unserem Projekt gehört also nicht nur die Pflege des Naturfriedhofs, sondern auch die Auswahl geeigneter Kontaktpersonen.
2. Geburt eines Friedhofes

Wie kam es zu diesem Projekt? Es entstand aus einem langwierigen Gemeinschaftsprozess. Zwei voneinander unabhängige Umstände brachten uns auf diesen Weg. Der erste ist unser Anliegen, um das Kloster herum eine Zone der Stille und der Natur zu schaffen. Die Gemeinschaft flüchtete vor ungefähr zehn Jahren von ihrem bisherigen Standort, weil das Umfeld immer mehr verstädterte. Wir wollen diese Erfahrung nicht wiederholen, vor allem weil ja dieses Land dicht bevölkert ist. Die uns umgebenden Maisfelder stellten für die Zukunft ein Risiko dar. So nutzten wir die sich plötzlich ergebende Gelegenheit, diese Felder zu erwerben, was uns wie ein Ruf Gottes erschien. Gleichzeitig suchten wir nach einer Lösung für unsere einbrechenden Klosterfinanzen. Aus diesen Faktoren entwickelte sich unser Projekt. Zunächst schien uns der Friedhofsplan seltsam, vor allem, da wir nicht recht wussten, was damit zusammenhängt. Doch dann haben wir uns informiert, solche Naturfriedhöfe besucht und uns intern zu dem Thema ausgetauscht. In ersten Reaktionen wurde die Idee rundum verworfen, dass das Kloster neben einem Friedhof liegen könnte. Dann kamen aber andere Gedanken auf wie die Enzyklika Laudato si’, ökologische Überlegungen, zeitgemäßige Einstellungen zu Tod und Beerdigung, die Überlegung, das Grundstück gemeinnützig zu verwenden, der Gedanke der Regel im vierten Kapitel, dass man „den Tod täglich vor Augen haben soll“, die Möglichkeit, unserem Glauben an die Auferstehung Ausdruck zu verleihen und schließlich als unser zisterziensisches Erbe, eine heutige Form der Bodennutzung. Ein Thema war auch unsere katholische Identität in einem protestantischen Umfeld. Unser Friedhof ist auf Katholiken eingeschränkt, denn wir wollten ebenso wie im Gästebereich offen für alle sein. Dennoch bringen wir unsere katholisch-christliche Identität klar zum Ausdruck. Das wissen und respektieren auch die Menschen, die hier bestattet werden wollen, ebenso wie unsere Klostergäste. Denn auch wenn unser kulturelles Umfeld extrem säkularisiert ist, herrscht Verständnis für das religiöse Zeugnis, das wir mit diesem Projekt ablegen. Für sie und ihre Familien ist es eine Gelegenheit, mit uns in Kontakt zu treten.
Der Friedhof Koningsakker wurde am 1. September 2019 eröffnet. Wir haben viel Zustimmung für dieses Projekt erfahren, was wir als Bestätigung unserer Entscheidung werten. Nun obliegt uns die weitere Begleitung des Friedhofs, wobei wir sensibel für die Bedürfnisse der Menschen und veränderungsbereit sein müssen. Die Gemeinschaft hat die Entwicklung des Projektes als aufbauende Zeit erlebt. Wir erfahren, wie sich unser Auferstehungsglaube mit heutigen ökologischen Ideen verbindet. Dazu arbeiten wir mit Menschen aus dem Umland zusammen, die auf dem Friedhof mit uns zusammenarbeiten. Wir beten auch für die Menschen, die hier beigesetzt werden. So hat dieses anfangs recht umstrittene Projekt unsere Gemeinschaft neu belebt und uns erneut zusammengeschmiedet dank eines ungewöhnlichen und mit Risiken verbunden Projektes, das bereits jetzt schon gute Früchte trägt.
Die Sargproduktion von New Melleray
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Zeugnisse
Jean-Pierre Longeat OSB
Präsident der AIM
Die Sargproduktion
von New Melleray[1]
Ausgesprochen reizvoll, aber auch mit viel Arbeit verbunden ist für die Trappistenabtei New Melleray die Bewirtschaftung des umfangreichen Klostergrundes von 1376 Hektar, der aus Wald und Feldern besteht. Dieses amerikanische Kloster liegt im Bundesstaat Iowa in der Nähe von Dubuque. Die Zahl der Mönche hat über die Jahrzehnte stark abgenommen und zudem sind sie in die Jahre gekommen. Auch wenn sie gerne an diesem Ort leben, müssen sie nun neue Einnahmequellen, ohne unter der Last der Arbeit zusammenzubrechen.
Früher lebten gut 150 Mönche im Kloster, welche tatkräftig eine vielseitige Landwirtschaft mit Milchkühen und Schweinezucht betrieben. Doch seit gut einer Generation ist diese Epoche abgeschlossen. Seitdem lebt die Gemeinschaft von Spenden der Klostergäste, Einkehrkursen und dem Verkauf von Soja und Biomais, was aber auch zusammengenommen kaum ausreicht, um den Unterhalt zu bestreiten.

Doch ist New Melleray nicht das einzige Kloster, das sich solchen wirtschaftlichen Zwänge stellen muss. Die benediktinische Tradition sieht zwar Arbeit als festen Bestandteil ihres Charismas. Aber mit der wachsenden Bedeutung von Technologie und Internet, einem hohen Standard von Sicherheitsvorschriften und überhaupt rechtlicher Auflagen hat sich das Gesicht der Arbeit sehr gewandelt und die Mönche mussten sich anpassen.
Die Gemeinschaft von New Melleray hat nach einer Form gesucht, welche den Erwerb des Lebensunterhaltes mit der monastischen Tradition vereint. Dafür haben sie zunächst einmal ihre Landwirtschaft eingestellt, weil diese keine Freiräume mehr für das klösterliche Leben ließ. Eine Reihe von Mönchen äußerte nämlich zunehmend, dass sie nicht ins Kloster gegangen seien, um wie in einer Fabrik zu arbeiten.
Der Nachfolgeplan war zunächst eine Möbelfabrik, aber ein befreundeter Unternehmer brachte sie davon ab. Zur gleichen Zeit bat sie ein benachbarter Landwirt, der den wachsenden Markt für Särge entdeckt hatte, ob sie für ihn in der Klosterschreinerei Särge produzieren könnten. Daraus ergab sich nach und nach eine Zusammenarbeit, welche auch von der ganzen Klostergemeinschaft bejaht wurde. Diese Tätigkeit schien nämlich für Mönche durchaus geeignet zu sein: Nach der Benediktsregel soll man ja täglich den Tod vor Augen haben, denn jede Stunde könnte zur wichtigsten des Lebens werden, nämlich die Stunde des Heimgangs zum Vater.
Die Betriebsleitung liegt bei einem Angestellten. Die mitarbeitenden Mönche beginnen ihren Arbeitstag um 9.30 Uhr, unterbrechen ihn dann am Mittag für das Gebet und eine Mahlzeit, fangen dann gegen 14.00 Uhr erneut an und hören um 16.30 Uhr auf, um sich für die Vesper vorzubereiten.
Eine weitere Angestellte ist als Beraterin für anfragende Familien unterwegs. Sie trifft sich mit Menschen aus dem ganzen Land, die sich wegen einer Sargbestellung melden. Diese Kontakte sind äußerst wichtig und der Heilige Geist scheint bei diesem Austausch zwischen Kunden, Angestellten und Mönchen zu wirken, wenn viele Geschichten von letzten Stunden an das Kloster weitergegeben werden.
Die klösterliche Sargherstellung berücksichtigt das Anliegen, dass die anfragenden Familien auch Trost suchen. So werden die Särge auch in einer Atmosphäre des Gebetes angefertigt und werden am Schluss für die letzte Reise gesegnet.

Jeder, der im Kloster einen Sarg oder eine Urne bestellt hat, wird anschließend zu einem Gedenkgottesdienst eingeladen. Jeder Verstorbene wird in ein Gedenkbuch eingetragen und ein Baum wird für ihn im Klosterwald gepflanzt. Damit wird ein lebendiges Zeugnis für ihn geschaffen. Die Familie erhält auch einen Brief aus dem Kloster, der sie informiert, wie sie die Arbeit der Mönche unterstützen können, und eine Gedenkkarte am ersten Jahrestag des Todes. Die Mönche schließen in ihr Gebet nicht nur die Verstorbenen, sondern auch deren Angehörige ein. Nach der Gedenkmesse werden diese zu einem Rundgang durch die Klosteranlage und die Sargwerkstatt eingeladen. Sie können auch jederzeit wieder das Kloster besuchen, wenn sie es wünschen.
Mit den Särgen wird den Angehörigen auch immer ein kleines Kreuz mitgeschickt, das den Namen und die Lebensdaten des Verstorbenen trägt. Auf diese Weise kann man täglich an einen lieben Angehörigen denken, den man verloren hat.
Die aus massivem Holz gefertigten Särge entstammen der Natur und kehren zu ihr zurück. Damit wird Gott für seine Geschenke gedankt. Die Klostergemeinschaft möchte in ihrer Werkstatt nicht nur ein Produkt anfertigen, sondern betrachtet ihre Arbeit als Weitergabe der Liebe und der Barmherzigkeit des Herrn.
[1] Der Artikel wurde aus verschiedenen Quellen zusammengestellt.
Lebenslektionen von Paul zu Krankheit und Tod
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Öffnung zur Welt
Roger Gil
Neurologe und Leiter eines Ethikzentrums (Frankreich)
Lebenslektionen von Paul
zu Krankheit und Tod
Die Zeitschrift „New England Journal of Medicine“ (NEJM) veröffentlicht üblicherweise Fachartikel im medizinischen mainstream, bei denen es um neue Erkenntnisse im Bereich von Diagnose, Prävention und Therapie geht. Manchmal findet man in dieser Zeitschrift aber auch Artikel, welche sich mit der menschlichen und ethischen Seite der Medizin beschäftigen. Das berühmteste Beispiel dafür ist ein Artikel von Henry Beecher, der 1966[1] erschien und ein Umdenken der westlichen Medizin nach sich zog, nachdem dort eindrucksvoll wissenschaftliche Experimente dokumentiert worden waren, welche die menschliche Würde nicht mehr respektiert hatten. Die Zeitschrift hatte diesem mutigen Artikel 2016 nochmals gewürdigt[2] und dabei hervorgehoben, dass ethische Überlegungen die medizinische Forschung nicht bremsen, sondern zu ihrer Humanisierung beitragen.
Im August 2018 veröffentlichte NEJM einen weiteren Artikel, der die menschliche Seite der Medizin behandelt und eine Krankengeschichte dokumentiert, welche den Titel trägt: „Lebenslektionen von Paul angesichts des Todes“.[3]
Bei diesem Paul handelt es sich um einen Rabbi, der drei Jahre zuvor an einem Darmkrebs gestorben war. Er war 64 Jahre alt, als ihn auf einmal heftige Bauchschmerzen ins Krankenhaus führten, wo ein Darmkrebs im Stadium IV mit Metastasenbildung diagnostiziert wurde. Es wurde ein künstlicher Darmausgang (Colostomie) angebracht, dann folgten eine Reihe der aktuellsten Behandlungsformen, aber der Tod folgte trotzdem 34 Monate später. Beim Verfasser des Artikels handelt es sich um den behandelnden Arzt, der zudem noch sein leiblicher Bruder war. Er beschreibt in dem Artikel die drei Lebenslektionen, welche sein Bruder während der Behandlung, welche immerhin sein Leben verlängerte, den Hinterbliebenen geschenkt hatte.
Zurückschauen, um für zukünftiges Leben zu lernen
Vor der Diagnose wusste Paul nichts von seinem Darmkrebs. Das belastete ihn aber keineswegs. Er folgte vielmehr der Auffassung von Kierkegaard, wonach Leben immer auf die Zukunft ausgerichtet sein muss, auch wenn es nur aus der Vergangenheit lernen kann. Er bat auch seine Frau und seine Kinder, sich diese Einsicht zu Herzen zu nehmen. Ihm war bewusst, dass alle Maßnahmen seinen bevorstehenden Tod nicht abwenden konnten. Mit seiner Geschichte wollte er anderen helfen, dass sie eine ähnliche Situation besser bewältigen konnten. Sie sollten wie er verstehen können, dass der Schock über eine solche Entdeckung vorübergeht, aber wichtige Entdeckungen möglich waren.
Weitermachen mit den täglichen Aufgaben
Paul zählte als Rabbi zu einer konservativen jüdischen Richtung, welche eine Art Mittelweg zwischen orthodoxen und reformierten Strömungen ging. Dies beinhaltete für ihn Offenheit, Respekt für andere Glaubensrichtungen und Wertschätzung von Pluralität. Trotz seiner Krankheit und einer anstrengenden Chemotherapie setzte er seine Gemeindearbeit fort und leitete Feiern aller Art. Drei Monate vor seinem Tod begrub er ein Gemeindemitglied und sagte, dass ihm hoffentlich derselbe Dienst zuteil werden. Dies geschah auch.
Lebensziele weiterführen
Wegen seiner Krankheit war die Hochzeit seiner Tochter verschoben worden. 48 Stunden vor dem neuen Hochzeitstermin wurde er wegen inneren Blutungen ins Krankenhaus gebracht. Einige Stunden vor der Hochzeit sammelte er seine ganzen Kräfte, um an der Feier teilzunehmen. Seine Familie half ihm beim Ankleiden und brachte ihn im Rollstuhl zur Hochzeit. Dort hielt er eine Ansprache, in der er dem jungen Paar sagte, dass sein Wochenende ganz ihnen gehöre. Seine humorvolle Art lockerte die Atmosphäre auf, die sonst gedrückt gewesen wäre. Als er dann Abends zu Bett gebracht wurde, war allen klar, dass das Ende nahe war. Zehn Tage später wurde er zu Gott gerufen.
In dem Artikel legt sein Bruder Wert darauf, dass der Kranke die medizinische geschenkte Lebensverlängerung in bestmöglicher Weise genutzt habe. Er war den Wissenschaftlern, Ärzten und Patienten dankbar, welche riskante medizinische Versuche mitgetragen hatten und so die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden ermöglicht hatten. Daher konnte er zwei Jahre länger mit einer Krankheit leben, die noch vor zwanzig Jahren innerhalb weniger Monate zu einem schmerzhaften Tod geführt haben würde. In dieser Zeit führte er seine Umgebung zum Leben hin und seine Familie lernte auf eine neue Weise, den Wert des Lebens wahrzunehmen.
Die medizinischen Fortschritte finden letztlich darin ihr Ziel: Den Kranken wird ermöglicht, trotz ihres Zustandes ihrem Leben Sinn zu geben. Nur in dieser Weise wird eine hochgradig professionelle Medizin menschliche Züge gewinnen. Die Bioethik will eben diese Verbindung fördern.
[1] H. K. Beecher, « Ethics and Clinical Research », The New England Journal of Medicine 274, no 24 (16 juin 1966) : 1354‑60, https://doi.org/10.1056/NEJM196606162742405.
[2] David S. Jones, Christine Grady, et Susan E. Lederer, « “Ethics and Clinical Research” – The 50th Anniversary of Beecher’s Bombshell », New England Journal of Medicine 374, no 24 (16 juin 2016) : 2393-98, https://doi.org/10.1056/NEJMms1603756.
[3] Jeffrey M. Drazen, « Life Lessons from Paul in the Face of Death », The New England Journal of Medicine 379, no 9 (30 août 2018) : 808‑9, https://doi.org/10.1056/NEJMp1808695.
Totenliturgie – vietnamesische Traditionen und monastische Riten
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Liturgie
Marie-Pierre Như Ý OSB
Priorin von Lôc-Nam (Vietnam)
Totenliturgie –
vietnamesische Traditionen
und monastische Riten
Von tradionellen zu christlichen Sterberiten – Lehren der Geschichte
Das Zusammenspiel zwischen traditionellen vietnamesischen Beerdigungsriten und der kirchlichen Tradition hat eine lange Vorgeschichte. Es ist nicht nur die Frucht von Expertenkommissionen und gelehrter Forschungen, sondern erwuchs aus Anliegen des ganzen Gottesvolkes heraus, worin sich der eigentliche Sinn eines gereiften Glaubenslebens ausdrückt, das Frucht bringt. Um das richtig einschätzen zu können, müssen wir kurz auf die geschichtlichen Debatten in China und Vietnam zurückblicken, die letztlich zur Entscheidung führte, die Ahnenverehrung wieder aufzugreifen.
Ein geschichtlicher Rückblick auf China und Vietnam
Zur Zeit des Ritenstreits im 16. Jahrhundert, der zwischen Angehörigen verschiedener Missionsorden ausgetragen wurde, wurde im Zusammenhang mit Sterberiten auch die Ahnenverehrung zunehmend kritisch gesehen.[1] Was gab es an „Wahren und Heiligem“ in der Ahnenverehrung aus der Sicht der katholischen Kirche?
Der Ritenstreit wurde schließlich von Papst Clemens XI. durch ein Dekret vom 20. November 1704 entschieden, welches den Christen eine Ahnenverehrung in den Tempeln und in ihren Privathäusern verbot und ihnen untersagte, die Tafeln mit den Namen der Vorfahren aufzubewahren. In der Konstitution Ex illa vom 19. März 1715 erneuerte er diese Vorbote und befahl allen Missionaren, dass sie vor ihren jeweiligen Vorgesetzten die Einhaltung dieser Bestimmung unter Eid erklären sollten. Papst Clemens XII. wiederholte diese Bestimmungen seines Vorgängers ein weiteres Mal in der Bulle Ex quo singulari vom 11. Juli 1742.
Um innerhalb der Asienmission wieder zu einer gewissen Einheitlichkeit und Handlungsfähigkeit zu gelangen, hatte zuvor der Päpstliche Legat Messabarba durch eine in Macao erlassene Verordnung vom 4. November 1712 den chinesischen und vietnamesischen Christen erlaubt, dass sie vor den Ahnentafeln durchaus Opfer und Gesten des Ehrfurcht darbringen könnten. Nach dieser Verordnung können solche Gaben und Gesten im Tempel, vor dem Sarg oder dem Grab des Verstorbenen dargebracht werden, weil sie Respekt und Pietät ausdrücken sollen.[2] Doch auch diese Bestimmungen konnten die Streitigkeiten innerhalb der christlichen Gemeinschaften nicht besänftigen. Der Apostolische Vikar Saraceni verbot nämlich für sein Gebiet in Chan-Si und Chen-Si jede Ehrfurchtsbezeugung vor den Ahnentafeln. Dagegen wurde diese vom Bischof von Peking erlaubt.

Unter den Päpsten Clemens XII. (1730-1740) und Benedikt XIV. (1740-1758) wurde somit die Frage des Ahnenkultes in Bezug auf die Beerdigungsriten nicht ganz eindeutig entschieden. Um jedes weitere Missverständnis zu vermeiden, entschieden sich damals jedoch die vietnamesischen Katholiken für einen vollständigen Verzicht auf Hausaltäre für Ahnenverehrung. Stattdessen wurde von nun an die traditionelle Pietät gegenüber den Vorfahren durch Teilnahme und Bestellung von Totenmessen ausgedrückt.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts[3] vertraten die Jesuiten die Auffassung, dass die Ahnenverehrung eine rein gesellschaftliche Praxis sei, keine religiöse, welche Ehrfurcht von den Eltern und Dankbarkeit gegenüber den Vorfahren ausdrücken solle. Diese Ansicht wurde von den chinesischen Gelehrten geteilt.[4]
Zwei Jahrhunderte später bestimmte die Kongregation Propaganda Fide in der Instruktion Plane compertum vom 8. Dezember 1939, die von Papst Pius XII. genehmigt wurde:
„Katholiken ist es gestattet, dass sie Verneigungen und andere Respektbezeugungen vor den Toten ausführen, was auch deren Bilder und Tafeln mit ihren Namen einschließt.“[5]
Dank dieser Anordnung ist heute die Ahnenverehrung, wenn sie sich mit dem Totenkult verbindet, genehmigt. Sie besteht dabei in Handlungen, welche ausschließlich Ehrfurcht gegenüber den Vorfahren und verstorbenen Eltern ausdrücken sollen. Dieser Ritus ist daher auch von jeder Form des Aberglaubens zu trennen.
Auch wenn also heute die Ahnenverehrung erlaubt ist, so bleibt die Frage, wie man sich dabei vor Aberglauben schützen kann?
Die Kontroverse zur Ahnenverehrung – die Gegenposition
Nach seiner Ankunft in Vietnam im Jahr 1628 stufte Bischof Alexander de Rhodes einige Beerdigungsriten als abergläubisch und lächerlich ein, zum Beispiel das Verbrennen von Andachtszetteln. Er verurteilte daher diese Praxis und ebenso das Fest Cung Giô, welches in Vietnam zur Erinnerung verstorbener Eltern gefeiert wird.
Bei seiner Verurteilung des Festes Cung Giô führte Bischof Alexander drei Irrtümer der Vietnamesen an: der erste Irrtum bestand im Glauben, dass die Seelen der verstorbenen Vorfahren in das Haus ihrer Kinder zurückkehren, wenn es ihnen so gefällt oder die Kinder sie darum bitten. Der zweite Irrtum bezog sich darauf, dass die Verstorbenen sich mit den Gaben sättigen, welche ihnen auf dem Ahnenaltar dargebracht werden, und der dritte und lächerlichste im Glauben, dass Leben und Wohlstand von den verstorbenen Vorfahren abhängen sollten. Sie würden ihre Unterstützung entziehen, falls die Kinder ihrer Pflicht nicht nachkommen, zu ihrer Ehre das Fest Cung Giô zu begehen.[6]
Man muss das so verstehen, dass nach einer chinesisch-vietnamesischen Tradition die Grundtugend der Ahnenverehrung die kindliche Ehrfurcht ist, die „Hiêu“ genannt wird. Dagegen wird der Mangel an solcher Ehrfurcht („Bât Hiêu“) als ein schweres Vergehen angesehen. Pater Lou Tseng Tsiang[7] hat mit großer Klarheit diese Haltung wie folgt charakterisiert:
