Dr. Katrin Langewiesche
Institut für Ethnologie und Afrikastudien
Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

Kontemplation und soziales Engagement
in den westafrikanischen Klöstern

Von der DFG gefördertes Projekt für die Jahre 2016-2019.

 


KLangewiescheVorstellung des Projekts

Bis heute gibt es kaum irgendwelche sozialwissenschaftliche Literatur zu westafrikanischen Klöstern. Die wissenschaftliche Literatur verfolgt kaum das ständige Wachstum klösterlicher Gemeinschaften in Afrika oder anderen außereuropäischen Räumen. Wir besitzen heute eine ganze Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen über das Wirken von Missionarinnen und Missionaren und ihre Bedeutung für die afrikanischen Gesellschaften, aber Veröffentlichungen, die sich mit Ordensleuten, vor allem kontemplativer Ausrichtung befassen, sind weiterhin spärlich gesät. Und dies, obwohl die Geschichte des afrikanischen Ordenslebens nicht nur einen Zugang zur wenig bekannten katholischen Ordenswelt und ihrer Entfaltung in Afrika eröffnet, sondern auch weil man über sie Aspekte des Koloniallebens erfassen kann, in welches sie integriert waren: Beziehung zwischen Geschlechtern und Rassen, koloniale Gesundheits- und Bildungspolitik, die Sozialisierung junger Afrikaner innerhalb einer westlichen katholischen Welt oder die Weiterbildung von Frauen. Obwohl es im weltlichen Bereich kaum irgendeine Frauenorganisation gibt, die über so lange Zeiträume derart einflussreich war wie die Frauenorden, ziehen diese kaum wissenschaftliches Interesse auf sich. Die Geschichtswissenschaft, die Anthropologie und die Religionssoziologie interessieren sich eher für männliche Missionare, für Priester oder die Institution der Katholischen Kirche und vergessen darüber ganz die entscheidende Rolle, welche Ordensfrauen innerhalb der afrikanischen Gesellschaften gespielt haben.

Die heutigen katholischen Ordensgemeinschaften unterlaufen bedeutsame Änderungen, die mit gesamtkirchlichen Umstellungen zu tun haben, aber auch mit der multikulturellen Zusammensetzung und der internationalen Vernetzung der Orden. Diese Situation macht die die Analyse von Ordensgemeinschaften zu einem aufschlussreichen Thema, um Veränderungen innerhalb der modernen afrikanischen Gesellschaften besser zu verstehen. Die Verbindung von informellen und institutionalisierten Netzwerken innerhalb der Ordensgemeinschaften ermöglicht ihnen langfristig, ein transnationales Netzwerk aufzubauen, neue ökonomische Möglichkeiten zu erproben und grundsätzliche Veränderungen in der katholischen Ortskirche und den lokalen Gesellschaften auszulösen.

KLangewiescheBaforUm das nochmals zusammenzufassen, sei hervorgehoben, dass sozialwissenschaftliche Literatur zu afrikanischen Ordensfrauen, insbesondere zu den kontemplativen, kaum vorhanden ist. Vorhandene Studien dazu übergehen komplett die heutige Diskussion zur Transnationalisierung und die Debatte zur komplexen Beziehung zwischen Religion und Fortschritt. Unser Forschungsprojekt möchte genau diese Lücke füllen, indem sie die Rolle kontemplativer Ordensgemeinschaften innerhalb der afrikanischen Gesellschaften untersucht. Der Ausgangspunkt ist empirisch, doch will das Projekt die theoretische Diskussion um die Beziehungen zwischen Religion, Entwicklung und Globalisierung aufgreifen.

Eine komparative und auf mehrere geographische Räume verteilte Analyse ist die Voraussetzung, um dieses Ziel zu erreichen. Togo, Burkina Faso, Ghana und Senegal wurden für die Untersuchung ausgewählt, weil sie unterschiedliche religiöse Prägungen verkörpern, in die sich die monastische Kultur jeweils integrieren muss und die durch deren Wirken verwandelt wurden. Alle diese Länder haben heute säkulare Verfassungen. Dennoch werden die institutionelle Trennung zwischen Religion und Staat, die Gleichbehandlung der verschiedenen Religionen und die individuelle Religionsfreiheit sehr verschieden in diesen Ländern gelebt.

Natürlich wird damit nicht die ganze Vielfalt der westafrikanischen Situation erfasst, aber die Themenwahl erlaubt doch einen Einblick in die Beziehungen zwischen Staat, Religion und Entwicklung in idealtypischer Hinsicht. Die Auswahlkriterien für die untersuchten Klöster waren die folgenden:

– Zugehörigkeit zu einer Ordensgemeinschaft (Benediktiner, Redemptoristen oder Karmeliten),

– Geschichtlicher Hintergrund (französische Gründungen der 1960er Jahre oder afrikanischen Gründungen der 2000er Jahre),

– Integration in die Ortskirche, die je nach englisch- oder französischsprachigem Land unterschiedlich ist,

– wirtschaftliche Aktivitäten

Unter einer Vielzahl von Klöstern wurden für das Projekt drei Klöster in Burkina Faso ausgewählt sowie ihre drei Mutterklöster in Frankreich, ein Kloster in Senegal, zwei Klöster in Ghana und eines im Togo. Besondere Aufmerksamkeit soll den Beziehungen dieser Klöster zu ihren europäischen Mutterhäusern gewidmet werden, aber auch mit anderen afrikanischen Klöstern. Die Benediktinerklöster in aller Welt werden repräsentiert und unterstützt von der AIM und der Benediktinischen Konföderation. Die Redemptoristen und Redemptoristinnen, sowohl in ihrer klausurierten wie in der nicht-klausurierten Form, zählen zum internationalen Orden des Heiligsten Erlösers (CSSR), der in 45 Ländern präsent ist und durch ein Generalkapitel in Rom geleitet wird. In allen diesen Klöstern ist vorgesehen, dass die Gründungsgeschichte erfasst wird, die wirtschaftlichen Aktivitäten, die Integration in der Gesellschaft des Umlandes, ihre Integration in klösterliche Netzwerke und in die Katholische Kirche. Dazu soll auch die Biographie ausgewählter Ordensfrauen aufgearbeitet werden.

Darüberhinaus wird die Beobachtung wirtschaftlicher Tätigkeiten den Nachweis ermöglichen, wie die Beziehungen zwischen Akteuren außerhalb und innerhalb des Klosters zustandekommen, aber auch wie wirtschaftliche Aktivitäten die Integration auf dem einheimischen und internationalen Markt ermöglichen, wie die Arbeitsteilung zwischen den beteiligten Personen aussieht und wie der Produktionsvorgang gestaltet ist.

Das Projekt konzentriert sich auf weibliche Gemeinschaften. Dennoch sollen auch Mönche an den Orten einbezogen werden, wo Frauen- und Männergemeinschaften in nächster Nachbarschaft leben, wie in Koubri (Burkina Faso) oder in Keur Guilaye (Senegal).

 

Werkstätten für Master-Studiengänge

KLangewiescheKoubriFeUnser Konzept: Im Allgemeinen brauchen Studenten an afrikanischen Universitäten, die einen Master erwerben wollen, zwei Jahre Studienzeit für ihren Abschluss. Das erste Jahr ist mit dem Erwerb von Seminarscheinen gefüllt, und im zweiten Jahr entwirft und schreibt man seine Abschlussarbeit. Für die meisten Studenten sind die Arbeitsbedingungen ausgesprochen schlecht: Streik, Stundenausfälle an der Universität, kaum oder auch gar keine Studienbetreuung. Das Fehlen finanzieller Mittel führt dazu, dass weder die Recherchen für die Masterarbeit noch die Ausarbeitung termingerecht abgeschlossen werden. Daher scheitert ein hoher Prozentsatz der Studenten bereits im ersten Studienjahr. In unserem Projekt erhalten ausgewählte Studenten eine finanzielle Unterstützung, die ihnen den Abschluss ihrer Masterarbeit ermöglichen soll. Während zweier Arbeitstreffen werden die Studenten in ihren jeweiligen Forschungsprojekten begleitet. Dabei soll auch ein vergleichender Zugang zum Gesamtprojekt erarbeitet werden. Das erste Arbeitstreffen von drei Tagen wird sich mit der Erstellung verbindender wissenschaftlicher Konzepte befassen, wozu klassische Studienliteratur als Ausgangsbasis dient, und ein allgemeiner Fragebogen soll den Vergleich der jeweiligen Forschungsthemen erleichtern. Bei einem zweiten Arbeitstreffen, das wiederum drei Tage dauern soll, werden die Forschungsvorhaben der ausgewählten fünf Studenten im Detail durchgesprochen. An diesem Treffen werden ausgewiesene Fachleute der Entwicklungsanthropologie, der Soziologie des Mönchtums und der Ordensgeschichte teilnehmen.

Zur Auswahl der Teilnehmer: Alle Kandidaten haben vorab ein individuelles Projekt erarbeitet, das in den Rahmen des Gesamtkonzepts passen muss. Mögliche Forschungsthemen werden vorgeschlagen, aber dabei werden die Kandidaten ausdrücklich ermutigt, sich selbst eigene Themen zu erarbeiten. Die Studenten werden in Zusammenarbeit mit Kollegen der betroffenen afrikanischen Universitäten ausgewählt. Eine Voraussetzung für die Auswahl besteht darin, dass sich ein Betreuer für die Masterarbeit findet, der bereit ist, auch außerhalb der Arbeitstreffen sich aktiv um das Forschungsprojekt des Studenten zu kümmern.

 

Beginn des Projekts

Vom 14. bis 16. November 2016 vereinte ein erstes Arbeitstreffen in Ouagadougou fünf Studenten aus Burkina Faso, Togo und Senegal. Dazu stieß Isabelle Jonveaux als Spezialistin für die Soziologie des Mönchtums von der österreichischen Universität Graz.

Neuere Studien haben nachgewiesen, dass nichtstaatliche Hilfsorganisationen von Ordensinstituten und sonstige christlich inspirierte Organisationen seit den 1990er Jahren in Afrika erheblich zugenommen haben. Die Entscheidungsträger im Bereich Entwicklung und in der Entwicklungspolitik legen heute den Schwerpunkt auf die Förderung gesellschaftlicher Kräfte, worunter auch religiöse Gruppen fallen, um Änderungsprozesse in Gang zu setzen und voranzutreiben. Dabei unterstreichen die nichtstaatlichen Hilfsorganisationen, die internationalen Organisationen und die europäischen und afrikanischen Regierungen gemeinsam, dass ein vereintes Engagement der Ordensgemeinschaften und der Vereinigungen für Entwicklungshilfe nötig ist, um Lösungen für aktuelle Krisen und globale Probleme zu finden, vor allem in den Bereichen von Gesundheit, Ökologie oder der Ernährung. Sie stützen sich in ihren Bemühungen auf religiöse Gruppierungen, um ihre Projekte durchzuführen, weil diese in kultureller Nähe zu den betroffenen Menschen stehen und eine jahrelange Erfahrung vor Ort aufweisen. Darüberhinaus erwartet man von ihnen einen verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen, die ihnen zu Verfügung gestellt werden. Katholische Institutionen stehen in dem Ruf, dass sie Entwicklungshilfe von Evangelisierung trennen können, was manchen protestantischen und islamischen Gruppen schwer fällt. So scheinen sie für Laienorganisationen ein idealer Partner für eine Kooperation zu sein, wenn es darum geht, eine bleibende Entwicklung voranzutreiben. Wie steht es dabei mit den Klöstern und ihrem Anteil an einer dauerhaften Entwicklungsarbeit?

Wenn man die Demographie der Klöster betrachtet, so verlagert sich die Dynamik des Ordenslebens seit ungefähr drei Jahrzehnten von Europa in die afrikanischen und asiatischen Länder. Daraus ergibt sich auch die Bedeutung, genauer zu untersuchen, was die Gründung eines nicht-europäischen Klosters für seine unmittelbare Umgebung und überhaupt für die Entwicklung des Mönchtums mit sich bringt. Ordensleute versuchen, sich einerseits in die örtlichen Marktsysteme zu integrieren, andererseits folgen sie einer eigenen klösterlichen Ethik. Diese Bemühungen, neoliberale Wirtschaft mit klösterlichem Tugendstreben zu verbinden, führt zu Transformationen, die sowohl das Klosterleben selbst berühren als auch politische und soziale Konsequenzen haben, die erfasst und analysiert werden sollten.

KLangewieschegroupeBeispielsweise untersucht das Projekt von Gaël Aladji-Bassi die Ausbildungsgänge von Mönchen und Nonnen in verschiedenen Gemeinschaften im Togo. Mohammad Ba analysiert Aspekte der Entwicklung, die bei der Abtei Keur Moussa im Senegal im Austausch mit ihrer Umgebung zu beobachten sind. Anne Dah untersucht, wie die Gemeinschaft von Notre-Dame de Bafor im Süd-Westen von Burkina Faso, die zu den Bernardinerinnen von Esquermes gehören, in die örtliche Wirtschaft verflochten ist. Das Projekt von Koudbi Kaboré konzentriert sich auch auf Burkina Faso und befasst sich mit den Redemptoristen von Diabo und ihrem sozialen Einsatz für die Bevölkerung der Diözese. Thierry Yaméogo verfasst eine vergleichende Promotion über Benediktinerklöster in Burkina Faso und an der Elfenbeinküste, die deren Verwurzelung im jeweiligen Land untersucht.

Für jede dieser Forschungsarbeiten ist der empirische Ansatz entscheidend. Jeder Teilnehmer wird sich für einige Zeit im Umfeld der Klöster oder auch direkt in den Gemeinschaften in Togo, Burkina Faso, Ghana, Elfenbeinküste und Senegal aufhalten.

Jeder Teilnahmer eröffnet seine Feldforschungen mit einigen gemeinsamen Fragen, die dann in sein spezielles Thema einfließen: Wie bringen sich die Ordensleute im Bereich der Entwicklungsarbeit ein? Wie ist ihr Vorgehen organisiert? Wie finanziert? Wie sind sie mit weltlichen Stellen und sonstigen kirchlichen Einrichtungen vernetzt? Wurden ihre religiöse Praxis, ihre Auffassungen und Grundhaltungen hinsichtlich Entwicklungshilfe und Nächstenliebe durch ihr Wirken verändert? Teilen die Ordensleute die Auffassungen der internationalen humanitären Hilfsorganisationen oder sehen sie Handlungsbedarf für alternative Gesellschaftsmodelle, neue Formen von Wohltätigkeit, die von den üblichen Modellen der westlichen und nördlichen Entwicklungshilfe abweichen?

Bei diesem ersten Treffen konnten die Studenten ihr Forschungsthema vorstellen und den theoretischen Rahmen ihrer empirischen Untersuchung zur Diskussion stellen. Katrin Langewiesche und Isabelle Jonveaux haben methodische Ansätze und Einsichten der Soziologie des Mönchtums vermittelt. Eine Studienfahrt zum Kloster Saint-Benoît in Koubri beschloss die drei Studientage.

Ein weiteres Treffen ist für April 2017 angesetzt, bei dem die ersten Untersuchungsergebnisse präsentiert werden sollen. Ausgewiesene Soziologen und Anthropologen werden dazu anwesend sein und ihre Stellungnahme abgeben.